Dienstag, 24. Oktober 2017

... und wie schaff`ich das mit dem Stillen?

Das war ja nun ein recht einseitiger Post von mir: Mütter, ran an die Brüste!

Wie schaff ich das mit dem Stillen? Wo erhalte ich Unterstützung?

Ich war bei meinem ersten Kind doch relativ blauäugig, in vielen Dingen. Geburt? Keine Ahnung, wird schon klappen! Stillen? Dito! Was mir in beiden Punkten sehr geholfen hat: das babyfreundliche und stillfreundliche Krankenhaus und meine Hebamme.

Du brauchst wen, der sich auskennt mit dem Stillen, der Dich anleitet und der Dich unterstützt.

Warum? Weil Baby und Mutter gemeinsam das Stillen lernen müssen. Das Kind muss richtig "andocken" und saugen. Die Mama braucht eine entspannte Umgebung, damit der Milchspendereflex gut funktioniert. Das ist wie Fahrrad fahren, immer wieder probieren, sich helfen lassen, und eines Tages habt ihr den Dreh raus.

Es ist ganz wichtig, dass die Mutter das Kind in den ersten beiden Stunden nach der Geburt an die Brust legt. In dieser Zeit ist das Baby sehr "wach" und möchte an die Brust. Und die Mutter ist voller Glückshormone, die ihr beim Stillen helfen. Selbst wenn Du langfristig nicht stillen möchtest, ist das Stillen kurz nach der Geburt  super gut, denn dabei erhält das Baby die Vormilch. Sie enthält ganz viele Immunstoffe und schützt das Baby vor Infektionen. Man nennt die Vormilch auch "Kolostrum".

 Stell` diese Fragen bei der Wahl der Geburtsklinik: Unterstützt das Krankenhauspersonal das "bonding" in den ersten zwei Lebensstunden des Babys? Gibt es Anleitung fürs Anlegen kurz nach der Geburt? Gibt es geschultes Personal/eine Stillberaterin/Hebammen auf der Wochenbettstation?
Die Auszeichnung "babyfreundliches Krankenhaus" weist darauf hin, dass hier bestimmte Standards auch bezüglich des Stillens eingehalten werden.

Suche Dir so früh wie möglich eine Nachsorge-Hebamme, die Dich zu Hause auch beim Stillen unterstützt.

Für einen guten Stillstart sind Ruhe und gute Anleitung unerlässlich.
Als ich mit der Großen in Bensberg (Vincent-Palotti-Krankenhaus) war, erhielt ich beides: Meine Tochter wurde per "finger-feeding" gefüttert. Ich pumpte meine Muttermilch ab. Anfangs kam wenig Muttermilch. Durch Abpumpen und immer wieder Anlegen wurde die Milchproduktion in Schwung gebracht. Nach ein paar Tagen hatte ich den Milcheinschuss und plötzlich knallvolle Brüste! Denn jedes Anlegen stimuliert die Brustdrüsen, mehr Milch zu produzieren. Es ist also wichtig, das Baby immer wieder anzulegen.


In manchen Situationen ist es fürs Stillen jedoch besser, so schnell wie möglich nach Hause zu gehen. Z.B. wenn es wenig Unterstützung im Krankenhaus gibt und große Unruhe herrscht. Wenn Du eine Nachsorge-Hebamme hast und es Deinem Kind und Dir gut geht, kann ich das nur empfehlen. Nicht selten klappt es mit dem Stillen zu Hause besser als im Krankenhaus.
Babys dürfen übrigens in den ersten Tagen bis zu 7% ihres Geburtsgewichtes verlieren. Eine Gewichtsabnahme in den ersten Tagen ist also nicht unbedingt ein medizinisch triftiger Grund, Euch nicht gehen zu lassen.

Hilfreiche Tipps für den Stillstart im Krankenhaus:


1. Das Baby in den ersten beiden Stunden zum ersten Mal anlegen. 

2. Auf das richtige Anlegen achten: Kind "Bauch an Bauch" halten, das Baby öffnet den Mund weit, die Brustwarze wird vollständig erfasst, die Nase ist frei. In diesem Video wird das richtige Anlegen dargestellt. Wenn das Stillen schmerzhaft ist, die Hebamme fragen, ob das Kind richtig "angedockt" ist.

3. Geduldig sein. Es kann ein paar Tage dauern, bis der Milcheinschuss kommt. Eine ruhige, entspannte Atmosphäre hilft bei den ersten Stillversuchen. Nicht gleich aufgeben!


4. Stillen nach Bedarf, d.h. das Baby immer anlegen, wenn es nach der Brust verlangt

5. Auf das Baby achten: Fäustchen? Saugbewegungen? Unruhe? Anzeichen für Hunger? - Anlegen

Aber auch: Gibt es andere Gründe für das Unwohlsein des Babys, wie z.B. volle Windel, Langeweile, braucht Nähe zB. durch Herumtragen und Schaukeln, oder Beruhigung durch Lieder singen.
Ist es vielleicht einfach nur müde und findet nicht in den Schlaf? Stillen ist nicht immer die richtige Antwort auf die Bedürfnisse des Babys. Lerne Dein Kind und seine Zeichen kennen!

6. Partner*in einbinden:  Dir ein Getränk bringen, das Baby herumtragen oder beschäftigen, das Baby wickeln etc...!

6. Viel Luft und Sonne an die Brüste lassen und ggf. nach dem Stillen mit Lanolin pflegen.

7. Wolle/Seide-Stilleinlagen ausprobieren (ich bin ein großer Fan - aber nicht jede findet sie gut. Es gibt  sie z.B. hier.)

8. Stillverwirrung in den ersten 2-3 Wochen vermeiden: möglichst keinen Schnuller und kein Fläschchen geben! Das Baby braucht in aller Regel keine zusätzliche Flüssigkeit und sollte möglichst auch im Krankenhaus nicht zugefüttert werden, auch wenn in den ersten Tagen nicht so viel Milch kommt.

Zu Hause:

1. Geduld! Zeit! liebevolle Unterstützung! Vertrauen in das Stillen!
2. Still-Sessel/bequemer Still"stammplatz"
3. Stillkissen unter die Arme legen
4. Getränk daneben, am besten in einem großen Becher
5. Partner*in, Familie, Freunde einbinden: Dir ein Getränk bringen, Essen kochen, Aufgaben im Haushalt abnehmen, Baby herumtragen, wickeln oder beschäftigen etc...!
6. Buch zum Lesen für Dich - vielleicht mag dein Kind auch ruhige Musik?
(beim ersten Kind ging das wunderbar. Habe während des Stillens "Herr der Ringe" gelesen...)
7. Verschiedene Stillpositionen zeigen lassen und ausprobieren. Immer mal wieder Position wechseln, damit die Brust optimal geleert wird. Abwechselnd mit der rechten oder linken Brust beginnen.
8. "Baby-Balkon" nutzen oder Gitterbettchen direkt ans Bett stellen; nachts im Liegen (auf der Seite) stillen: das ist superbequem, wenn´s dann mal klappt: Kind andocken, weiterdösen; Kind an die andere Brust, weiterdösen...

erster Tag im Wochenbett!

9. Wochenbett als solches gestalten: möglichst wenig Besuch, und wenn dann nur unterstützenden Besuch (der seinen Kaffee und Kuchen selbst mitbringt oder gerne mal eine Suppe vorbeibringt)
Viel Zeit mit Baby-Kuscheln im Bett verbringen.
Häufigste Ursache für Brustentzündungen ist Stress!  
Für uns war es für den Stillstart ein Segen, dass Verwandte weit entfernt wohnten und keiner mal eben unangekündigt vor der Tür stehen konnte. Später hatte das erhebliche Nachteile, unbestritten... 

10. Was viele Mütter bewegt: Trinkt mein Kind genug?
Dazu gibt es z.B. von der La Leche Liga einen Infoflyer: Trinkt mein Baby genug?
Ab ca. der 2. Lebenswoche sollte das Baby in 24h jeweils ca. 5-6 mit Urin gefüllte Windeln haben. Anfangs haben Babys ca. 3x täglich eher flüssigen/weichen Stuhlgang. Später kann alles zwischen 1x täglich bis 1x wöchentlich Stuhlgang normal sein.

Wenn das Kind gut zunimmt, also mindestens 140g in der Woche, die Haut rosig und gut gespannt ist und das Baby aktiv ist, kannst Du entspannt davon ausgehen, dass alles in Ordnung ist.

Nach ein paar Wochen pendelt sich die Milchproduktion ein, und irgendwann fühlen sich die Brüste gar nicht mehr "voll" an, denn sie produzieren einen Gutteil der Milch dann, wenn das Baby trinkt, und nicht im Voraus. Lass dich davon nicht irritieren und zu der falschen Annahme führen, Du hättest "nicht genug Milch"!
Es ist nur sehr, sehr selten, dass eine Mutter ihr Kind nicht ausreichend mit Muttermilch versorgen kann.

Wenn es Probleme gibt, suche Dir Hilfe bei Deiner Hebamme, einer Stillberaterin oder besuche eine Stillgruppe. Du bist nicht allein! Du und Dein Baby, ihr könnt gemeinsam das Stillen lernen, so wie es unzählige Mütter und Babys in der Geschichte der Menschheit gelernt haben.

Ich wünsche Euch eine tolle Stillzeit!


Hilfreiche Links rund ums Stillen hier und in der sidebar:

Häufige Probleme beim Stillen 
Alles für die Stillzeit
Trinkt mein Kind genug Milch?
Anlegen und Stillpositionen

Sonntag, 15. Oktober 2017

Stillen - lohnt sich das?

Meine Kinder sind längst alle abgestillt. Ich muss mich in diesem Punkt gegenüber niemandem mehr verteidigen oder rechtfertigen. Umso mehr erstaunt mich, dass es Frauen gibt, die sich rechtfertigen müssen - zum Beispiel, wenn sie in der Öffentlichkeit stillen. Oder wenn sie länger als "sonundsoviel" Monate stillen.
Andererseits finde ich es auch nicht gut, wenn Frauen, die Fläschchen geben, kritisiert werden. Auch sie haben gute Gründe, warum sie es so tun.

Die positiven Effekte des Stillens sind sehr vielfältig. Egal, ob frau kurz oder lange stillt, 1 Monat oder 12 Monate, die positiven Effekte bestehen während der ganzen Stilldauer, egal, wie kurz oder lange. Auch dann, wenn teilweise Fläschchen gegeben wird, nur wenige Monate oder mehrere Jahre gestillt wird.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt ausschließliches Stillen in den ersten 6 Monaten und weiterhin begleitendes Stillen bis Ende des 1. Lebensjahres und darüber hinaus, solange Mutter und Kind es möchten.

Vorteile.

Immunsystem

Die Muttermilch enthält mütterliche Antikörper gegen alle möglichen Keime, die der Mutter im Laufe ihres Lebens begegnet sind.
Das Immunsystem des Babys ist noch nicht ausgereift, wenn es zur Welt kommt. Es entwickelt sich nach und nach. Wenn das Kind mobiler wird, also in der 2. Hälfte des ersten LJ., kommt es mit immer mehr Keimen in Kontakt und kann so ein gutes Immunsystem ausbilden. Wir wissen, dass Babys alles in den Mund stecken, um es zu erkunden. In dieser Zeit ist der zusätzliche Schutz durch die Muttermilch sehr wertvoll.
Wenn gerade ein Magen-Darm-Virus die Runde macht, bildet die Mutter Antikörper dagegen. Das Baby nimmt die Antikörper auf und erhält so einen zusätzlichen Schutz seiner Schleimhäute.
Gestillte Kinder erkranken seltener an Magen-Darm-Grippe und stecken es meist besser weg. Die Gefahr der Austrocknung ist geringer, da die Muttermilch sehr leicht verdaulich ist und auch bei angegriffener Magenschleimhaut noch gut vertragen wird.
Sehr kleine Babys erkranken selten an Magen-Darm-Grippe. Kleinkinder zwischen eins und zwei, die evtl. zusätzlich die Kita besuchen, schon öfter. Und da ist das Stillen dann eine wunderbare Hilfe: das Kind nimmt weiterhin Flüssigkeit zu sich. Es wird schneller gesund. Es erfährt Nähe und Geborgenheit gerade dann, wenn es sich echt mies fühlt.

Warum sollte ich freiwillig auf diese Schutzmechanismen verzichten und nach ein paar Monaten abstillen? Gerade dann, wenn es für das Baby langsam wichtig wird. Aus den gleichen Gründen würde ich ein Kind nicht abstillen, wenn es in die Kita kommt. Da geht der Keimaustausch erst richtig los! Für mich war in Krankheitszeiten die stabile Flüssigkeitsquelle Gold wert.
Gesellschaftlich betrachtet würde es auch weniger Krankenhausaufenthalte von Kleinkindern geben. Neben Magen-Darm-Viren gibt es noch andere "nette" Vertreter wie z.B. Herpangina, Hand-Mund-Fuß-Erkrankung, Grippeviren, Drei-Tage-Fieber etc.etc....

Ich möchte dennoch betonen, dass jede Mutter selbst entscheidet, wie lange sie stillt und wie lange das gut für sie und ihr Kind ist.

Hier der Erfahrungsbericht einer Mutter  (englischsprachig).


Schutz vor chronischen Erkrankungen

Dieser Schutz wird noch breit diskutiert.
Fest steht, dass gestillte Kinder  im späteren Leben seltener übergewichtig sind oder Bluthochdruck, Diabetes oder Asthma haben.
Dies hat sowohl für jeden einzelnen Auswirkungen als auch für die Gesellschaft. Ein Kind, das an Asthma erkrankt, muss regelmäßig zum Arzt oder Medikamente einnehmen. Das kann eine Herausforderung für die Familie sein. Bluthochdruck oder Diabetes tritt meist erst im Erwachsenenalter auf. Beide Erkrankungen gehören zu den "Zivilisationskrankheiten" und können weitere Folgeerkrankungen nach sich ziehen. Das bedeutet, dass das Stillen auch für das Kind lange über die Stillzeit hinaus Bedeutung hat.
Für die Gesellschaft hieße es auch, wenn mehr Kinder länger gestillt werden, würden wir sehr, sehr viel Geld im Gesundheitswesen sparen. Deswegen finde ich es so wichtig, dass Frauen, die stillen, von der Allgemeinbevölkerung wohlwollend und unterstützend betrachtet werden.
Aber auch Frauen, die Fläschchen geben, sollten Respekt und Anerkennung erhalten, sie kümmern sich ebenfalls liebevoll um ihre Kinder.


Ich möchte hier meine eigene Beobachtung einfließen lassen. In unseren Familien gibt es eine Neigung zu Asthma und Neurodermitis. Manche Verwandte waren als Kinder massiv betroffen.  Das war einer der Gründe, warum ich meine Kinder sehr lange gestillt habe.

Mein Sohn wurde bis ins 3. LJ gestillt. Bis dahin hatte er keine Probleme mit der Haut. Im zweiten Winter nach dem Abstillen kam dann ein Leck-Ekzem und ganz leichte, minimale trockene Hautstellen zwischen den Fingern, die prima auf Hautpflege ansprachen. Nach einem weiteren Jahr war der Spuk vorbei.
Meine Tochter wurde gestillt, bis sie 26 Monate alt war. Mit fünf hatte sie eine sehr schlimme obstruktive Bronchitis, weswegen sie im Krankenhaus war. Sie hat nun eine milde Form von Asthma und braucht manchmal Medikamente.
Es könnte sein, dass eine lange Stilldauer den Beginn einer chronischen Erkrankung nach hinten verschiebt. In ein Zeitfenster, in dem das Immunsystem noch ausgereifter ist, und die Erkankung milder verläuft. Vielleicht war das nur bei uns so. Im Krankenhaus fiel mir auf, wie viele deutlich jüngere Kinder da bereits mit Atemwegserkrankungen zu tun hatten. Aber dies sind nur Beobachtungen und nicht wissenschaftlich fundiert.


Für die Mutter.

Stillen senkt das Brustkrebsrisiko der Mutter. Und es sinkt mit jedem weiteren Monat Stilldauer. Es sinkt auch nach 12 Monaten noch.
Es kommt dennoch selten vor, dass stillende Mütter an Brustkrebs erkranken. Und es heißt auch nicht automatisch: "Du hast wohl nicht (lange genug) gestillt?!", denn es gibt verschiedene Ursachen für die Entstehung eines Tumors.
Aktualisierung: Nach neuesten Erkenntnissen senkt das Stillen (genauso wie mehrere Schwangerschaften) das Brustkrebs-Risiko sogar bei Hochrisiko-Frauen
mit genetischer Vorbelastung (BRCA1 und BRCA2), siehe hier.

Stillen senkt auch das Risiko für Eierstock- und Gebärmutterkrebs.


Stillen senkt auch die Gefahr, im Alter an Osteoporose (Knochenschwund) zu erkranken. Denn nach dem Abstillen wird in die Knochen wieder mehr Kalzium eingelagert. Es gibt Hinweise darauf, dass Frauen, die gestillt haben, sogar ein niedrigeres Osteoporose-Risiko nach den Wechseljahren haben, als Frauen, die nicht gestillt haben. (Aber die Studienlage ist hier nicht ganz eindeutig.)


Praktisches.

Meine Kinder sind langzeitgestillt worden. Ich habe bei allen dreien nach spätestens 1 Jahr wieder angefangen zu studieren oder zu arbeiten. Alle drei waren ab ca. 1 Jahr in Betreuung bei der TaMu oder in der KiTa. Auch das ist keine Schwierigkeit. Ich fands sogar sehr schön, dass sie beim Abholen erst mal Muttermilch trinken wollten. Sie haben so Nähe und Geborgenheit nachgeholt. Manchmal wurde ich dafür komisch angeschaut. Eine Tagesmutter hat mal ihren Unmut geäußert, aber ich habe gesagt, dass das Kind ganz gut zwischen ihr und mir unterscheiden kann. Und so war es auch, natürlich hat das Kind dort ganz normal mitgegessen und Tee oder Wasser getrunken.

Ich habe die Beobachtung gemacht, dass meine Kinder mit einem guten Rückhalt und selbstbewusst losgezogen sind, so als wäre ich die Insel, zu der sie gern zurückkehren, wenns mal draußen stürmisch war. Sie waren genauso schnell selbständig wie andere Kinder, und sind es heute noch.
Ich habe einen Mann, der das lange Stillen total unterstützt hat, dadurch war es für mich auch einfacher, weiter zu stillen.Und dafür bin ich ihm sehr dankbar!
 

Stillheldinnen

Eine gute Bekannte von mir hat 8 Wochen nach der Geburt wieder angefangen zu arbeiten - und stillt 8 Monate danach immer noch. Auch das geht! Es gibt Milchpumpen, super unterstützende Ehemänner und verständnisvolle Arbeitgeber.
Eine andere persönliche Heldin hat 9 (!) Monate lang abgepumpt, jede einzelne Mahlzeit, weil Stillen an der Brust nicht klappte. Sie hat die Muttermilch dann mit der Flasche gefüttert. Diese liebe Frau hatte wirklich Ausdauer und Disziplin! Sie war überzeugt, dass es das Beste für ihr Kind ist.

Ich finde, wir sollten diese "Heldinnen-Geschichten" teilen. Wir dürfen da auch mal stolz drauf sein, diese Schwierigkeiten gemeistert zu haben, Lösungen gefunden zu haben. Ich möchte Mut machen: Stillen ist möglich, es gibt Lösungen, es ist auch mit Berufstätigkeit vereinbar. Es ist das Beste für die Kinder, und alle profitieren davon, Mütter und Kinder. Es lohnt sich!


Stillen hat auch Nachteile.

Bei uns war es tatsächlich so, dass ich ein Kind sehr lange selbst ins Bett bringen musste (die anderen beiden waren da weniger fixiert auf mich), auch wegen des Stillens.
Das kann schon aufreiben, v.a. wenn man doch mal wieder abends weggehen möchte.
Ich hatte auch Phasen, in denen ich das Stillen als sehr anstrengend empfand. Deswegen habe ich meiner Großen nach 1,5J. den "Nachmittags-Trunk" abgewöhnt, weil ich danach oft sehr k.o. war.
Man kann das Stillen auch den eigenen Bedürfnissen anpassen bzw. Kompromisse finden.

Ich war etwas neidisch auf meine Freundin, die abgepumpt hat: da konnte auch der Mann mal füttern. Das hat bei uns leider nicht geklappt, meine Kinder haben die Flasche abgelehnt. Wahrscheinlich habe ich das zu spät probiert. Aus meiner Erfahrung denke ich, man sollte vor dem 3. Lebensmonat regelmäßig abpumpen, damit der Vater auch mal ran kann und frau wieder mehr Freiheit hat. 

Fazit:


Ich habe die Stillzeit geliebt, es hat mir auch eine innere Stärke verliehen (es ist einfach genial, mein Kind selbst zu versorgen!), ich habe es selten als einengend empfunden. Im Gegenteil: ich fand es sehr befreiend, nichts mitnehmen zu müssen und trotzdem genug dabei zu haben. In Krankheits- und Krisenzeiten war es einfach klasse. Ich hatte Glück, beim ersten Kind eine tolle Hebamme gehabt zu haben, die mich angeleitet hat.

Stillen macht glücklich!














Samstag, 6. Mai 2017

Hebammen in der Geburtshilfe - Hebammen in Deutschland

(diesen Text habe ich 2016 geschrieben. Ist immer noch aktuell.)

Seit meiner ersten Schwangerschaft vor nunmehr 9 Jahren interessiere ich mich sehr für Geburtshilfe. Im Laufe der Zeit habe ich viel Literatur gelesen und eigene Erfahrungen gesammelt:
3 "eigene" Geburten, davon eine im Krankenhaus, eine im Geburtshaus und eine zu Hause; meherere Klinikgeburten in Praktika/PJ im Krankenhaus miterlebt; davon: ein echter Notkaiserschnitt bei vorzeitiger Plazentaablösung; eine komplett interventionsfreie Geburt eines über 4kg-Baby und keine Verletzungen...; der Rest Einleitungen, KS bei Frauen, die den Geburtsschmerz nicht durchstehen konnten und wollten, unnötige Episiotomie, angstvolle Geburtssituationen ohne Not, Oxygabe zur Plazentalösung (aktives Management nennt man das); schnelle Abnabelungen, schmerzhaftes Nähen nach der Geburt; ....

Ich habe verschiedene Hebammen kennengelernt, wobei ich nur meine eigene Hebamme, die mich in allen drei Schwangerschaften und bei den beiden außerklinischen Geburten begleitet hat, wirklich "kenne". Dazu habe ich mit Frauenärzten zusammengearbeitet und gesprochen. Außerdem seitenweise Literatur gewälzt, mit Vorliebe Studien, Metaanalysen etc. Recherchiert, wie es in anderen Ländern aussieht.

In den letzten zwei bis drei Jahren hat sich die Situation für Hebammen in Deutschland und damit auch in der Geburtshilfe zugespitzt. Die Versicherungsprämien für Hebammen haben sich seit 2011 quasi von ca. 3000 EUR auf heute ca. 5000EUR fast verdoppelt. Aber auch Belegärzte und Krankenhäuser ächzen unter der Last der Versicherungsprämien: Wenn ich Frauenärztin wäre und heute eine Versicherung für außerklinische und stationäre (Beleg-)Geburten abschließen wollte, kostete mich das 106.000 Euros. (nein, kein Tippfehler.) In Krankenhäuser sieht es teils so aus, dass die Geburtshilfe 60% der gesamten Haftpflichtprämie fürs ganze Haus ausmacht.

Warum ist das so? Zunächst einmal: die Zahl der Schadensfälle hat zumindest für Hebammen abgenommen in den letzten Jahren.(Siehe dazu die Stellungnahme Sept. 2014 des DHV) Dafür sind die von den Gerichten zugesprochenen Schadenssummen drastisch gestiegen. Ein weiteres Problem für die Hebammen ist, dass sie mit ihrem Privatvermögen haften, sollte die Deckungssumme der Versicherung überschritten werden. Detailliert dargelegt ist die Problematik in einer Stellungnahme des DHV (Sept. 2014), das hier zu finden ist (pdf-Datei.).

Ich zitiere aus oben genannter Stellungnahme:
"Ursache für die Unmöglichkeit der Versicherung von Geburtsschäden sind also weder eine Zunahme der Schadensfälle - dies schon deshalb nicht, weil die Schadenszahlen zumindest für die Hebammen derzeit rückläufig sind - noch eine falsche Prämienverteilung, sondern einzig die Verteuerung schwerer Personenschäden im Heilwesen in Verbindung mit der derzeitigen Haftpflichtstruktur. Diesem strukturellen Dilemma kann nur mit einer strukturellen Änderung des derzeitigen Haftpflichtsystems wirksam entgegengetreten werden."
("Stellungnahme des Deutschen Hebammenverbandes e.V. zur Haftpflichtsituation im Bereich der freiberuflichen Hebammentätigkeit" September 2014, Seite 6)

Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wieso diese Last einer so kleinen Fraktion aufgepackt wird, die noch dazu derart schlecht verdient. Ich bin immer wieder fassungslos über Leserkommentare frei nach dem Motto: Hebammen sollen gefälligst für ihre Fehler geradestehen und auch diesen enormen gesellschaftlichen Beitrag leisten! Ja, Hebammen machen Fehler. Und dafür müssen sie in irgendeiner Form einstehen. Allerdings ist es schlicht unmöglich, die geforderten Summen abzusichern. Das ist ja der Grund, weshalb die Versicherungen eigentlich gar keine Versicherung mehr anbieten wollen: weil dieses Risiko kaum kalkulierbar ist. Wer weiß, welche Summen die Gerichte in ein paar Jahren zusprechen? Wer weiß, wie hoch die Kosten dann sind, auch aufgrund längerer Lebenszeiten und guter Versorgung?

Letztlich ist es ein gesellschaftliches Problem: Gerade in der Geburtshilfe gibt es keine endgültigen Sicherheiten. Damit müssen wir leben. Und wir müssen als Gesellschaft dafür sorgen, dass Kinder, die geschädigt wurden, ein menschenwürdiges Leben führen können. Es ist in meinen Augen inakzeptabel, dieses Problem einfach bei den Hebammen abzuladen, denn sie können diese Last nicht stemmen. Es wäre jetzt ziemlich blödsinnig zu sagen, na, dann sollen sie es halt lassen. Denn irgendwer muss den Frauen ja beim Gebären helfen, und wer, wenn nicht die Hebammen?

Viele meinen, es ginge hier nur um Hausgeburten oder Geburtshäuser (von denen immer mehr schließen müssen wegen dem Kostendruck der Versicherer). Aber es geht um SO VIEL MEHR.

Von der Problematik sind auch Beleghebammen betroffen, die deutschlandweit etwa 20% aller Geburten begleiten. In Bayern sind es sogar 60% aller Geburten. Insbesondere in ländlichen Gegenden und kleinen Krankenhäusern, ist dies eine Möglichkeit, die wohnortnahe Geburtshilfe aufrechtzuerhalten. Dazu kommen dann die Belegärzte - die in der gleichen Versicherungsproblematik stecken wie die Hebammen.

Immer mehr kleine Geburtskliniken werden geschlossen, nicht zuletzt wegen der gestiegenen Versicherungskosten. Aber auch, weil sich vieles verändert hat in der Krankenhauswelt: Krankenhäuser müssen sich "rechnen". Auch Geburtsabteilungen müssen sich "rechnen". Das funktioniert aber nur ab einer gewissen Größe, denn insbesondere die Personalkosten bleiben gleichbleibend hoch. Man kann eine Krankenhausabteilung nämlich nicht einfach mit nur drei Ärzten oder Hebammen aufrecht erhalten. Geht nicht. Wie sollen die 24h und Wochenenden und Feiertage abdecken? Also werden diese kleinen Abteilungen geschlossen oder in Belegabteilungen umgewandelt. Dazu braucht man aber Belegärzte und Beleghebammen. Davon hören immer mehr auf, weil es schier nicht leistbar ist angesichts der Versicherungssummen. Also verschwindet die Geburtshilfe vor Ort dann eben.So oder ähnlich vielfach geschehen in den letzten Jahren - aufsehenerregend bspw. auf Sylt. Oder auf Föhr.

Es gibt einige ärztliche Kollegen - so erst vor ein paar Monaten im DÄ gelesen - , die sind der Meinung, ein paar große Geburtskliniken sind viel besser als viele kleine Kliniken. Ja, für die großen Kliniken ist das besser. Denn dann verdienen sie mehr. Man kann mit weniger Personal noch mehr Geburten durchführen. Wenn in drei kleinen Abteilungen immer etwa 1-2 Hebammen anwesend sind und so etwa 400-500 Geburten im Jahr begleitet werden, dann glaubt mir: nach Zusammenlegung zu einer großen Geburtsklinik mit ca. 1200-1500 Geburten im Jahr sind dann nicht plötzlich 6 Hebammen pro Schicht da. Nein, da sind dann mit viel Glück drei oder vier Hebammen, die gleichzeitig 6 bis 10 Geburten betreuen müssen. Das Zahlenverhältnis Hebamme pro Gebärende wird noch schlechter.
Das ist übrigens ein Phänomen, das (ehemalige) Klinikhebammen beklagen: Man hat gar nicht die Zeit, eine Frau in ihrer Geburt zu begleiten. Man muss gleichzeitig mehrere Frauen betreuen. Und dann geht es nur noch um Schadensbegrenzung. Ein einfühlendes, aufmerksames Beobachten ist gar nicht möglich. Wie sollen dann negative Entwicklungen unter der Geburt frühzeitig bemerkt werden und dann u.U. mit ganz einfachen Interventionen schlimmeres verhindert werden (Positionswechsel; Ermutigung; Essen...) ? Wie oft ist das Kind dann schon in den Brunnen gefallen, und der einzige Ausweg ist der schnelle Kaiserschnitt...

Nein, ich kann diese Entwicklung weg von der wohnortnahen Geburtshilfe hin zu wenigen großen Geburtsabteilungen definitiv nicht gutheißen.
Es gibt übrigens ein Land, das seit Jahren überwiegend mit großen Geburtszentren und wenigen bis keinen ausgebildeten Hebammen arbeitet: die USA. Und dort gibt es seit vielen Jahren ein großes Problem, was die Geburtshilfe angeht, denn das "Outcome" ist gruselig. Die Müttersterblichkeit ist durchschnittlich fast 5-mal so hoch wie in Deutschland und steigt seit 1987 an!
Zahlen: D:4/100.000, z.B. hier; USA: 2011: 17,8/100.000 Lebendgeborener
und für die afroamerikanischen Mütter liegt sie in Größenordnungen, die für westliche Standards inakzeptabel und unfassbar sind: 2011: 42,8/100.000 Lebendgeborenen!!

Sicher gibt es noch einige andere Faktoren, die diese Zahlen in den USA generieren. Eines ist aber sicher: die Abschaffung der Hebammen und der große Wissensverlust, der damit einhergeht, hat maßgeblich dazu beigetragen. So sehr viele schlüssige andere Erklärungen gibt es da nicht, außer der, dass die Fähigkeit zur vernünftigen Geburtshilfe einfach verloren gegangen ist zwischen wirtschaftlichen Interessen der Krankenhäuser und fast ausschließlich ärztlicher, pathologisierender Betreuung der Schwangeren und Gebärenden. Wir reden hier von einem hochtechnisierten Land mit medizinischer Spitzenausstattung.

Wollen wir das? Wollen wir, dass Hebammenwissen um den guten Verlauf einer Geburt verloren geht? Wissen, wie man auch kompliziertere Geburtsverläufe zu einem guten Ende bringt? Wollen wir die Geburt unserer Kinder komplett in den medizintechnischen Apparat stecken? Glauben wir, dass die Technik "besser" ist für unsere Mütter und Babys? Diesen Glauben in das Alles-Machbare hat es immer wieder gegeben, und immer wieder sind die Menschen damit auf die Nase gefallen. Wollen wir dieses Experiment wagen, an unseren Schwangeren und unseren Neugeborenen?
Denn das ist es, was auf dem Spiel steht, wenn es immer weniger Hebammen gibt, die in immer größeren Kliniken immer mehr Frauen gleichzeitig betreuen sollen.

Hebammen sind darüber hinaus nicht nur während der Geburt da. Sie leisten Vorsorge und Nachsorge der Schwangeren, die bei zunehmender Überlastung der ärztlichen Kollegen auch nottut. Wer spricht mit den Frauen über ganz grundlegende Dinge, wie z.B.: Was brauche ich eigentlich alles, und was nicht? Wie funktioniert das mit dem Stillen oder auch mit den Fläschchen? Was kann ich tun, wenn mein Baby schreit? Wer hilft den Frauen, die nach zwei oder drei Tagen aus der Klinik entlassen werden? Gerade in den ersten Tagen (und Wochen) ist es schon aus medizinischer Sicht unerlässlich, dass eine Hebamme nachsieht, ob es dem Neugeborenen gut geht, es an Gewicht zunimmt, das Stillen klappt, Fragen noch geklärt werden können, die Frauen/Familien unterstützt, sich an die neue Situation anzupassen. Es gibt genügend Frauen, die wenig Hilfe aus der Familie haben, nicht zum Bildungsbürgertum gehören, noch Teenies sind etc. etc. Es ist nicht abzuschätzen, was hier an gesundheitlicher Versorgung wegbricht, wenn  noch mehr Hebammen aufhören. Und es sind sehr wohl auch Hebammen, die "nur" Vor- und Nachsorge anbieten, die das Handtuch schmeißen, einfach, weil der Verdienst nicht mehr kalkulierbar ist und derzeit auch gar nicht klar ist, wie es nach 2016 weitergeht.

Was wir brauchen, ist hier eine große Reform. Kein Klein-Klein mit Nachbesserungen hier und da. Jetzt mal die Regresse und die Versicherungsbeiträge deckeln, das wird schon reichen.

NEIN, das reicht eben nicht, denn hier ist bereits ein Prozess im Gange, den wir dringend umkehren müssen, wenn uns etwas an unseren Müttern und Kindern liegt!

Wir brauchen einen Haftungsfonds, der von der Gesellschaft oder wenigstens von allen beteiligten medizinischen Professionen getragen wird. Mit dieser Forderung bin ich nicht alleine: der Deutsche Hebammenverband und der Elternverein "Mother Hood e.V.
www.hebammenunterstuetzung.de" sieht das genauso. Und wir brauchen eine Umstrukturierung der Geburtshilfe, weg von der Zentralisierung, weg von der Maxime der Wirtschaftlichkeit.  
Geburten lohnen sich immer, zumal für eine schrumpfende Gesellschaft! Das muss sich in der Bezahlung der Hebammen wiederspiegeln. Krankenhäuser, die Geburtsabteilungen wohnortnah erhalten, sollten auch finanziell darin bestärkt werden.

(In dem Zusammenhang plädiere ich übrigens für eine Angleichung der Fallpauschalen von Kaiserschnitten und spontanen, interventionsarmen Geburten, da zweitere in aller Regel der bessere Weg für Mutter und Kind sind. Aber das sind Nebenschauplätze.)

Hebammen sollten in ihrer Stellung im Gesundheitssystem gestärkt werden, d.h. bei unkomplizierten Schwangerschaften die Vor- und Nachsorge überwiegend übernehmen (das tun in D überwiegend Frauenärzte) und nur bei pathologischen Vorgängen Ärzte hinzuziehen. Das wäre im Moment wahrscheinlich nicht möglich, da es nicht genügend Hebammen gibt. - Ich merke, mein Ansatz ist noch unausgegoren. Ich möchte neue Denkansätze anstoßen. Zu Ende denken müssen das Hebammen, Ärzte, Eltern, KVen und Krankenkassen und nicht zuletzt die Politik.

Schwangerschaft und Geburt gehört in Hebammenhand, sie sind die Spezialisten dafür.  Hebammenbetreuung in der Schwangerschaft kann die Zahl der Frühgeborenen reduzieren. 1:1-Betreuung durch eine Hebamme ist ein wichtiger Faktor für die Reduzierung der Säuglings- und Müttersterblichkeit. Europäische Länder mit noch niedrigeren Zahlen der Müttersterblichkeit, z.B. Schweden, haben ein hebammenzentriertes System mit 1:1-Betreuung unter Geburt.

Es muss was Neues her! 
"Ebenso füllt niemand jungen, gärenden Wein in alte, brüchige Schläuche. Sonst platzen sie, der Wein läuft aus, und die Schläuche sind unbrauchbar. Nein, jungen Wein füllt man in neue Schläuche! Nur so bleibt beides erhalten."
Matthäus-Evangelium, 9. Kapitel, Vers 17.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Ein Brief an die Frauen. Und Männer. Generell. Im besonderen an die, die Kinder kriegen wollen.

Ich sollte eigentlich schlafen.
Egal.
Dann, irgendwann, wenn die letzte kleine Geburtsstation auf dem Land dicht gemacht hat und die Anfahrtswege für entlegene Gegenden in ganz Deutschland 50km und mehr betragen -- wie übrigens bereits jetzt in Teilen von Schleswig-Holstein, Hessen, bald Bayern, und was die Inseln betrifft, die sowieso ---, dann, wenn Frauen feststellen, dass Geburten in weit entfernten, überfüllten Kliniken mit zu wenig Personal und zu wenigen Kreißsälen, mit zu viel Geräten und zu wenig menschlicher Zuwendung stattfinden,
dann, wenn die erste Frau 50km von der nächsten Geburtsstation entfernt eine vorzeitige Plazentaablösung hat mit fatalem Ausgang,
dann, wenn der erste Mann im Auto auf dem Standstreifen steht und nicht weiß, wie er seiner brüllenden, gebärenden Frau helfen soll,
dann, wenn für die Wochenbettversorgung in ländlichen Gebieten keine Hebammen mehr zur Verfügung stehen,
dann, wenn das erste Kind zu spät mit Neugeborenen-Gelbsucht in der Kinderklinik landet, weils einfach keiner bemerkt hat - war ja auch nie eine Hebamme da nach der Geburt,
dann, wenn die erste Frau im Wochenbett eine Sepsis erleidet und es keiner mitbekommt - mit fatalem Ausgang - weil ja keine Hebammen mehr schauen kommen,

dann werden die Frauen sich ihrer Stärke wieder bewusst werden. Sie werden daran denken, dass eine Geburt zu Hause, mit einer Fachfrau an der Seite, eine sehr viel bessere Option ist, als eine lange Fahrt in ein überfülltes Krankenhaus, weit entfernt von 1:1-Betreuung, einer Versorgung, die im Prinzip nur Katastrophen verhindert, aber keine gute Geburtshilfe mehr leistet,
eine Versorgung, die weder den Frauen noch dem eigenen Anspruch der Hebammen und Geburtshelfer gerecht wird (wenn sie es sich einmal eingestehen würden).
Sie werden sich an das Bild mit der Frau und den Zwillingen auf dem Arm im Gebärpool erinnern. Sie werden anfangen zu fragen:

Wo soll eigentlich mein Kind zur Welt kommen? Wie soll Geburt sein? Kann Geburt auch schön sein?

Ich wünsche es mir so sehr. Ich wünsche mir so sehr, dass Geburt für die meisten Frauen eine gute, schöne, bestärkende Erfahrung ist.

Ich hatte gehofft, dass dies auch in den Krankenhäusern möglich ist.

Aber je mehr Geburtsabteilungen schließen, desto weniger glaube ich daran.

Die schönen Geburten werden weiterhin nur die mutigen Frauen erleben, die sich eine der wenigen verbliebenen Hausgeburts-, Geburtshaus- und Beleggeburts-Hebammen suchen und so eine gesicherte 1:1-Betreuung während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett haben.

Alle anderen können nur auf ihr Glück hoffen. Darauf hoffen, dass sie nicht zu weit weg wohnen vom nächsten KKH, dass die Geburten langsam vonstatten gehen, damit sie rechtzeitig im Kreißsaal ankommen, dass dann möglichst wenige andere Frauen unter Geburt da sind, dass genügend Hebammen da sind, dass keine krank ist und deswegen die Station unterbesetzt ist, dass auch von den Ärzten keiner krank ist, dass die Gebärwanne zufällig frei ist, dass die Hebamme Ruhe, Zeit und Geduld hat, dass im Notfall der OP frei ist, dass noch ein Bett auf der Wochenbettstation frei ist und sie nicht bei den krebskranken Frauen liegen muss, dass sie nicht mittels PDA und CTG ans Bett "gefesselt" wird und sich nicht mehr frei bewegen kann, um ihre Wehen zu verarbeiten, dass sie nicht die meiste Zeit ihrer Geburt alleine ist, dass der Ehemann den weiten Weg rechtzeitig her schafft, dass wenigstens der Ehemann die Nerven behält, wenn das Kind kommt und keiner da ist, dass sie nicht in Rückenlage entbinden muss - fast so unpraktisch wie der Kopfstand zum Gebären - , dass sie nicht an irgendeinen schlecht gelaunten Menschen im Klinikbetrieb gerät, der sie unmöglich anschnauzt, dass niemand einfach so einen Dammschnitt macht, ohne sie zu fragen geschweige denn zu informieren, dass sie ihr Kind auf die Brust bekommt nach der Geburt, dass niemand an der Nabelschnur manipuliert und so eine Blutung oder eine Plazentaabscherung provoziert, dass das Kind das ganze Blut aus der Nabelschnur haben kann, dass ihr jemand hilft beim ersten Anlegen, dass sie Ruhe hat fürs Bonding, dass Verletzungen mit Fingerspitzengefühl versorgt werden, dass, ja, dass es eine gute Geburt wird.

So viele nicht zu beeinflussende Faktoren würden mir Angst machen.

Wie gesagt: Hebamme suchen, 1:1-Betreuung, Beleg-, Geburtshaus-, Hausgeburt.

Zum Krankenhaus ohne 1:1-Betreuung kann ich gesunden Frauen mit niedrigem Risiko nur sehr eingeschränkt raten.

Freitag, 29. April 2016

"Marker" für eine sichere Geburtshilfe

#sichereGeburt

Was macht eine sichere Geburt aus? Sind Dauer-CTG und zentrale CTG-Überwachung geeignete Mittel, um die Geburtshilfe sicherer zu machen?
Woran misst man die "Qualität" der Geburtshilfe? An der Säuglings- und Müttersterblichkeit?

Die Säuglings- und Müttersterblichkeit ist in Deutschland ähnlich niedrig wie in anderen europäischen Ländern. Es gibt Differenzen in den verschiedenen Bundesländern, aber insgesamt sind wir da nicht so schlecht. 
Dafür gibt es andere Zahlen, die im europäischen Vergleich deutlich höher sind. Dazu zählen der Anteil an Frühgeborenen sowie der Anteil an Kindern mit einem Geburtsgewicht unter 2.500g bzw. sogenannte "small for gestational age"-Kinder.
Dazu zählt auch die viel zu hohe Kaiserschnittrate von über 30%, die zudem schon von Landkreis zu Landkreis deutlich schwankt. Eine Dammschnittrate von fast 25% mit großen Schwankungen zwischen den einzelnen Kliniken weist auf fehlende Leitlinien und Konzepte oder fehlender Umsetzung einer "hands off"- Geburtshilfe hin. 

Warum sind diese "Marker" so wichtig? 

Aus Sicht der Frauen und Babys sind diese Marker wichtige Faktoren, da sie häufig über die Zukunft einzelner Menschen und Familien entscheiden!

Angefangen mit der Frühgeburtlichkeit und SGA-Kindern: Ein Frühchen braucht intensive Pflege und Betreuung, bedeutet häufig für die Familie den "Komplettausfall" eines Elternteils für die Zeit, die das Kind noch in der Klinik bleiben muss und stellt Eltern vor große Herausforderungen. Frühchen haben es auch später im Leben nicht unbedingt leichter und haben ungleich höhere Erkrankungsraten, auch für chronische Erkrankungen.
Es ist also schon als sehr gravierend anzusehen, dass Krankenkassen lange Liegezeiten bei drohender Frühgeburt aufgrund der Fallpauschalen nicht adäquat vergüten, wohingegen die sehr hohen Kosten eines Aufenthaltes auf der Frühchenstation übernommen werden. 

Die Senkung der Frühgeburtlichkeit muss ein primäres Ziel sein. 
Leider sieht es so aus, dass das primäre Ziel der Ausbau der großen Perinatalzentren ist, mit dem Argument, kleinere Häuser könnten Frühchen mangels Erfahrung schlechter versorgen.
Hier ist eine Entwicklung komplett fehlgeleitet. Denn: je mehr Anreize für eine Frühgeburt geschaffen werden, desto höher wird die Rate an Frühgeborenen sein. Anreize können sein: eine deutlich höhere Vergütung für Frühchen bei einem Geburtsgewicht unter 1.500g; Stationen mit verhältnismäßig vielen neonatologischen Plätzen, die auch gegenfinanziert werden müssen.

Einen Ansatz zur Verringerung der Frühgeburtlichkeit gibt es kaum.

Die hohe Kaiserschnittrate hat ebenfalls gesundheitliche Konsequenzen für die Mutter, das Kind und häufig auch für Folgeschwangerschaften. 
Seit einiger Zeit verdichten sich die Hinweise in Studien, dass Kaiserschnitt-Kinder ein größeres Risiko für diverse nichtinfektiöse Erkrankungen im weiteren Leben haben, dazu gehören u.a. Asthma, Diabetes und chronische Darmerkrankungen. Das bedeutet, dass eine hohe KS-Rate direkt zu höheren Folgekosten im Gesundheitssystem führt. 
Das bedeutet aber auch, und das betrifft einzelne Menschen und Familien, dass mehr Familien mit der Belastung eines chronisch kranken Kindes zu tun haben! 
Trotz sicherer OP- und Narkosetechniken ist die Mortalitätsrate für Mütter mit Kaiserschnitt etwa zehnmal so hoch wie bei vaginaler Entbindung. 
Darüber hinaus hat eine Sectio weitere Risiken, z.B. erhöhte Blutungsgefahr. 
Die Mütter sind nach Sectio meist nicht so schnell wieder fit und können sich in den ersten Tagen weniger intensiv um das Neugeborene kümmern. Dies kann z.B. zu Stillschwierigkeiten führen. 
Bei einer Folgeschwangerschaft ist die Gefahr einer Fehlentwicklung der Plazenta erhöht: es kann zu Verwachsungen mit der Gebärmutterschleimhaut kommen. Dies kann in der Schwangerschaft und unter Geburt zu schweren Komplikationen führen. Abgesehen davon steigt die Gefahr eines Gebärmutterrisses sowie die einer starken Nachblutung. 

Was hat die Dammschnittrate mit "guter Geburtshilfe" zu tun? Die meisten Ärzte verneinen hier einen kausalen Zusammenhang. Ich denke, eine hohe Dammschnittrate ist Ausdruck einer ärztlich oder von einer Hebamme "geleiteten" Geburt. In der außerklinischen Geburtshilfe, wo Frauen die ihnen angenehmste Geburtsposition einnehmen können, gebären vergleichsweise wenige Frauen im Halbsitzen oder Liegen. 
Das hat zwei Konsequenzen: 
1. Die Schwerkraft wird häufiger mitgenutzt, der physiologische Geburtsweg wird "erweitert" (denn im Sitzen kann z.B. das Steißbein nicht nach hinten ausweichen!), das Kind schafft es "leichter" durch den Geburtskanal.
2. Die Mutter begibt sich in eine Gebärposition, in der es kaum möglich ist, einen Dammschnitt vorzunehmen.

Im Umkehrschluss kann man sagen, dass Frauen im Krankenhaus in aller Regel nicht frei wählen können, in welcher Position sie gebären, und sie werden auch nicht dazu angeleitet. Die Anleitung folgt immer noch eher zugunsten einer für Arzt und Hebamme "übersichtlichen" Position - in der die Schwerkraft schlechter wirken kann, in der die Versorgung mit Sauerstoff für das Kind verschlechtert ist, die also ganz schnell eine Situation hervorruft, die einen Dammschnitt (vermeindlich) "nötig" macht. 
Dies ist jedoch keine frauenzentrierte Geburtshilfe. Das ist eine an den Bedürfnissen des medizinischen Personals ausgerichtete Geburtshilfe, mit der Konsequenz von vielen unnötigen Dammschnitten. 
Abgesehen davon zeigen Studien, dass der Dammschnitt nur in wenigen Fällen wirklich nötig ist, dass er außerdem die Wahrscheinlichkeit für einen höhergradigen Riss (III°/IV°) erhöht statt erniedrigt und dass ein Dammriss meist besser heilt. 
Darüber hinaus hat sich noch kein Mensch mit den psychosozialen Folgen eines Dammschnittes befasst. 

 Was könnte nun einen Einfluss auf all diese Faktoren haben? Welche verhältnismäßig einfache Veränderung könnte Frühgeburtlichkeit, Kaiserschnittraten, SGA-Babys und Dammschnitte reduzieren? Gibt es hier ein Patentrezept?

Ja. Das gibt es.
Die kontinuierliche Betreuung durch eine oder mehrere Bezugshebamme(n) während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sowie Stillzeit.
Deswegen freue ich mich, dass der Hebammenberuf akademisiert wird, und hoffe, dass es zunehmend eine kontinuierliche Begleitung der Frauen gibt, wie es bspw. in Schweden der Fall ist.

Für mich ist es ein erklärtes Ziel: Gesunde Frauen mit unkomplizierter Schwangerschaft sollten von Beginn der Schwangerschaft über die Geburt bis Ende des 1. Lebensjahres von einer oder mehreren Bezugshebammen betreut werden.


Donnerstag, 24. März 2016

Kommentar zu meinem Post

Viele haben meinen "Brief an einen Oberarzt..." gelesen, was mich sehr freut.
Zur Ehrenrettung der Krankenhäuser möchte ich darauf hinweisen, dass nicht überall
"Backofen-Medizin" betrieben wird. Es gibt u.a. mehrere große Perinatalzentren, die sehr frauenzentriert arbeiten und z.B. deutlich niedrigere Kaiserschnitt-Raten aufweisen als der Durchschnitt. Es gibt ebenso kleine Häuser, die eine sehr persönliche Atmosphäre haben und tolle Geburtshilfe leisten.
Allen geburtshilflichen Abteilungen ist jedoch gemeinsam, dass sie unter einem unglaublichen finanziellen Druck stehen. Das macht es durchaus schwieriger, auch unpopuläre Entscheidungen zugunsten der Frauen - und häufig zuungunsten der Vergütung - zu treffen.

Da gibt es den Klinikdirektor der Frauenklinik an der Uni Erlangen, der schon seit längerem darauf hinweist, dass das Abrechnungssystem geradezu Frühgeburtlichkeit befördert, statt den Frauen die Möglichkeit zu geben, durch längere Aufenthalte die Geburt hinauszuzögern.

Da gibt es den CA der Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Coesfeld/Münster, der die Kaiserschnittrate um fast die Hälfte auf nun ca. 19% gesenkt hat, und das in einem sog. Level-I-Haus, dh. in einem Haus mit jeder Menge Risikoschwangeren und Frühgeburten.

Gerade in Ostdeutschland gibt es etliche Krankenhäuser mit niedriger Interventionsrate - leider wurde letztes Jahr eines davon geschlossen (Geburtshilfe Wolgast)

Vorreiter in der familienorientierten Geburtshilfe war sicherlich das Vincent-Pallotti-Krankenhaus Bensberg, das seit den 80er Jahren diesen Ansatz verfolgt und eine der ersten  Geburtsstationen (wenn nicht sogar DIE erste) war, die Wassergeburten anboten und außerdem eine kliniktaugliche Gebärwanne entwickelte.

Da ist der derzeitige Vorsitzende der DGGG, Herr Prof. Louwen, der sich seit langem mit Geburten in Beckenendlage beschäftigt und hier auch ein Eisbrecher ist unter seinen Kollegen.

Ich habe hier nur einige wenige genannt, und hinter jedem Chefarzt steht immer ein ganzes Team aus Hebammen und Ärzten, die sich unter vollem Einsatz um die Frauen und Babys kümmern.

Und natürlich gibt es auch eine ganze Menge Frauen, die ihre Schwangerschaft bewusst erleben und auf eine natürliche, selbstbestimmte Geburt hoffen. Gerade um dieser Frauen willen ist der Post entstanden. Denn ich habe  leider viel zu viele Geburtsberichte nach dem gleichen Schema gehört: Frau kann sich nicht bewegen, liegt am Dauer-CTG, Kind stellt sich nicht ein, PDA.Geburtsstillstand. Wehentropf. Herztöne werden schlechter. Herztöne werden noch schlechter. Kaiserschnitt.

Weil von der Politik der Krankenhausschließungen eine gute Geburtshilfe erschwert wird, deswegen schreibe ich dies alles. Sicher gibt es noch andere Faktoren, auch in den Chefärzten begründete Faktoren. Dennoch ist es so, dass auch die hervorragend arbeitenden Geburtsabteilungen unter dem Kostendruck leiden. Und dies geht letztendlich zu Lasten der Frauen und Babys.





Montag, 21. März 2016

Ein Brief an einen Oberarzt. Oder die Gesundheitsminister. Oder an Frauen und Männer.


In den letzten 20 Jahren sind eine ganze Menge neue Erkenntnisse in der Geburtshilfe hinzugekommen - und es wurden einige alte, verschüttete Erkenntnisse wiederbelebt.

Was mich als junge Ärztin sehr wundert, ist jedoch, dass einfachste (!) Erkenntnisse nicht umgesetzt werden. In Deutschland gebären nach wie vor ca. 80% der Frauen in liegender/halb sitzender Position (aktueller AQUA-Bericht), obwohl längst bekannt ist, dass dies eine die Geburt behindernde Position ist. 

Ein anderes Beispiel: Studie um Studie zeigt, dass das Dauer-CTG keinen positiven Effekt auf die Vitalität (APGAR-Score), die Anzahl der Säuglinge mit Cerebralparesen (köperliche Behinderung mit Muskelkrämpfen) oder auf die Säuglingssterblichkeit während und kurz nach der Geburt hat - der einzige Effekt ist eine Steigerung der Kaiserschnittrate.
Die aktuelle Leitlinie (für Ärzte) zum Umgang mit dem CTG sieht dann folgendermaßen aus: Da wird zugegeben, dass alle bisherigen Studien o.g. belegen. Dann wird eine neue Studie mit einem neuen CTG-Gerät (von einem ganz bestimmten Hersteller übrigens) zitiert, die dann als Begründung für die gesamte Leitlinie herhalten muss. Aber so kann man doch nicht ernsthaft arbeiten, oder?
Das hat mit einem wissenschaftlichen Herangehen für meine Begriffe sehr wenig zu tun.

Natürlich müssen die Herztöne eines Kindes in regelmäßigen Abständen überprüft werden, verstehen Sie mich da nicht falsch.
 Es gibt Arbeiten, die zeigen, dass sich eine 1:1-Betreuung durch eine Hebamme unter der Geburt insgesamt sehr positiv auswirkt: niedriger Schmerzmittelverbrauch, fitte Kinder, weniger Kaiserschnitte, weniger Aufenthalte auf der NeugeborenenIntensivstation. Diese Studien werden jedoch nicht beachtet und auch nicht umgesetzt. Es wäre so einfach, diese ganzen CTG-Leitlinien einfach zu ersetzen und damit auch ein Statement für die Geburtshilfe und für die Frauen abzugeben: Wenn die DGGG (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) beschließen würde, dass die beste Gewährleistung für eine gesunde Geburt eine 1:1-Betreuung darstellt, dass dies die 1A-Lösung ist und ein CTG im besten Falle eine 1B-Lösung ist, wäre u.a. die Politik gezwungen, hinzusehen. Wenn Richter plötzlich nicht mehr nach dem CTG, sondern nach der Anwesenheit einer Hebamme fragen, dann wäre dies ein großer Paradigmenwechsel in der Geburtshilfe, der meiner Meinung nach notwendig ist.

Die derzeitige Situation der Krankenhäuser, die politisch gewollt ist, stellt sich wie folgt dar:
Die Politik wünscht ein Krankenhaussterben, es soll immer weniger, größere Kliniken geben, denn Deutschland ist (angeblich) überversorgt. Allein in diesem Jahr,  2019, sind bis heute, 15.06.2019, 14 (!) Geburtsstationen geschlossen worden oder von Schließung bedroht.

Dabei vergleicht man sich (gerade was die Geburtshilfe anbelangt) gerne mit den skandinavischen Ländern, oder z.B. den Niederlanden. Gleichzeitig wird vergessen, dass das Gesundheitssystem in diesen Ländern ein komplett anderes ist: Die Gesundheitssysteme sind allesamt staatliche Gesundheitssysteme. D.h., auch die großen Kliniken müssen keinen Gewinn erwirtschaften.
Dazu kommt, dass es viel mehr sog. „Polikliniken“ gibt und dass die Bevölkerungsdichte und -verteilung eine völlig andere ist (v.a. in Schweden, Norwegen und Finnland).

Es ist gewollt, dass Krankenhäuser sich spezialisieren, „unrentable“ Abteilungen schließen und es in der Fläche weniger Krankenhäuser gibt. Wie kann man so etwas politisch geschickt erreichen? Sehr einfach: man hungert die Krankenhäuser aus. Seit Jahren beklagt die Krankenhausgesellschaft einen Investitionsstau, da die Bundesländer seit Jahren kein Geld in die Kliniken stecken (obwohl es ihre Aufgabe wäre). Die Kostenerstattung durch die Krankenkassen, die sog. Fallpauschalen, deckt nämlich nur die laufenden Kosten wie Personal, Material, Wasser und Strom etc. ab.
Ausstattung, Ausstattungserneuerung, Umbau, etc. muss anderweitig – oder eben nicht finanziert werden.
Es entsteht also ein Wettbewerb unter den Kliniken, wer mit dem wenigsten Geld das meiste bieten kann. De facto wird dies häufig zu Lasten des Personals ausgetragen, denn der größte Posten sind die Personalkosten.

In der Geburtshilfe ist das noch spezieller und noch krasser. Geburtshilfe ist ein sehr personalintensiver Zweig der Frauenheilkunde. Außerdem muss Geburtshilfe auch im Krankenhaus zu horrenden Beiträgen versichert werden, da sie eigentlich nicht versicherbar ist – schon gar nicht, wenn man auch 30 Jahre nach einer Geburt noch Schadensersatz oder Regress (durch die Krankenkassen) fordern kann. Das sind Risiken, die für die Versicherer nicht kalkulierbar sind. Nicht selten macht die Versicherungssumme für die Geburtshilfe etwa 2/3 der gesamten Versicherungssumme eines Krankenhauses aus. Und auch hieran sind häufig Bedingungen geknüpft, die sich kaum ein Mediziner je ausdenken würde, ein Versicherungsfachmann jedoch schon. Weil Versicherer das „sicher“ finden, haben viele Häuser einen zentralen „CTG-Überwachungsplatz“. Das hat noch weitere Vorteile: eine Hebamme kann dann sogar 5 Frauen (5 Backöfen?) gleichzeitig „überwachen“, und wenn irgendwo die Parameter „Gefahr“ anzeigen, kann sie sich da hinbegeben. In der Zwischenzeit kann sie Papierkram erledigen, einen nicht besetzten Kreißsaal aufräumen und säubern, eine neue Frau in Empfang nehmen und dann auch mal 6 Frauen alleine überwachen. Sie hat doch die Geräte! Das spart enorm an Personal.

Nur leider sind Frauen eben keine Backöfen.

Das hatten Frauen zwar vor rund 50 Jahren mal eine Zeitlang deutlich gesagt (1968). Aber heute wären sie ganz gerne wieder Backöfen. Soll alles automatisch gehen, eine Maschine soll ihnen sagen, wie es dem Kind geht (als ob sie nicht selbst spüren könnten, ob es noch tritt und sich bewegt), und überhaupt hat man häufig den Eindruck, sie fühlen sich lediglich als Hülle oder Backofen für dieses Wunderding namens „Baby“. Sie haben tierisch Angst davor, die Temperatur zu hoch einzustellen, die falschen Zutaten reinzutun, oder das Kind gar zu lange da drin zu backen. Nicht nur sie haben davor Angst, auch die Ärzte. Denn sie können verklagt werden, wenn eins der o.g. Dinge passiert. Außerdem kann man heute mittels Ultraschall wunderbar in den Backofen hineinsehen und kann dann erkennen, ob der Kuchen langsam bräunlich wird oder schon verbrannt ist, ob der Kuchen in der richtigen Geschwindigkeit aufgeht, ob die Hefe überentwickelt und der Kuchen riesig wird, oder ob er gar nicht aufgeht und nur ein flacher Fladen bleibt. Leider sind die Geräte recht unscharf. Aber egal, die Eltern haben den Eindruck, sie könnten wie im Fernsehen in ihren Backofen reinsehen. Im Zweifel reißt man die Backofentür mit Gewalt auf und zerrt das kleine Ding aus dem gefährlichen Gerät da raus.

Sobald eine Mutter sich als solche wahrnimmt und Verantwortung für ihr Tun und Lassen übernimmt, wird es gefährlich. Denn dann ist sie kein berechenbarer, ein- und ausschaltbarer, beherrschbarer Backofen mehr. Sie ist dann plötzlich ein Mensch, der ein kleines Wesen unter ihrem Herzen trägt und dieses kleine Menschlein mehr liebt als alles andere auf der Welt. Sie hat Emotionen, sie fühlt. Sie tritt in Kontakt zu dem Menschlein, spürt, wie es ihm geht und hält Zwiegespräch. Es käme ihr nie in den Sinn, das Menschlein gewaltsam aus seiner sicheren Höhle zu holen, denn sie weiß, dass es sich auf den Weg machen wird, zur rechten Zeit. Sie sehnt sich danach, mit diesem Kind den Weg des Geborenwerdens zu gehen, der doch ein ganz anderer ist als der eines Brotes aus dem Backofen. Ein Weg, an dem Mutter und Kind (und häufig auch der Vater) beteiligt sind, den sie aktiv gestalten, den sie antreten, und auf dem sie nicht zurückblicken.

Leider passen gerade solche Mütter momentan nicht ins System. Derzeit ist Geburtshilfe nur etwas für Backöfen, die sich gerne öffnen lassen, jeden an sich herumstellen lassen, Temperatur messen, Überwachungsmaschinerie, voyeuristisches Eltern-Fernsehen, Finger im Kanal.
Vor allem muss es einigermaßen berechenbar bleiben. Es geht nicht, dass die eine Frau in 4h ihr Kind zur Welt bringt, die andere sich 48h und länger Zeit lässt. Das geht leider nicht, denn mehr als 24h werden nicht bezahlt. Fallpauschale zu Ende. Die Geburt wird dann eben gewaltsam beendet. Spitzfindig: so ein ungeplanter Kaiserschnitt bringt mehr ein, als eine schöne physiologische, 48h lange Geburt. (Und sogar mehr als ein geplanter Kaiserschnitt.)

Krankenhäuser werden kaputtgespart. Die Geburtshilfe ist ein sehr kostenintensiver Fachbereich aufgrund der hohen Personalkosten und der hohen Versicherungssummen. Ich behaupte, es gibt kaum eine geburtshilfliche Abteilung in Deutschland, die schwarze Zahlen schreibt, geschweige denn, Gewinn erwirtschaftet. Die Geburtshilfe in Deutschland steht mit dem Rücken zur Wand, und jeder ist mit jedem verfeindet.
In aller Regel „überleben“ die großen Perinatalzentren, die über eine gewisse Anzahl an Frühchen die roten Zahlen der Geburtshilfe kompensieren können. Es ist Gott sei Dank nur ein kleiner Anteil an Frauen und Babys, die diese Perinatalzentren wirklich benötigen. Die allermeisten Frauen haben eine unkomplizierte Schwangerschaft, ein gesundes Kind im Bauch und somit m.M.n. ein Recht auf eine natürliche, interventionsarme, ungestörte, risikoarme Geburt. Leider wird dies im Prinzip nur noch den wenigen Frauen gewährt, die nicht in der Klinik gebären, sondern zu Hause oder im Geburtshaus. Praktischerweise ist die Ärzteschaft fleißig dabei, diese Geburtsorte als höchst unsicher und todbringend zu verteufeln (obwohl, von hier aus, 150km westlich, ca. 30% der Kinder zu Hause geboren werden, ohne dass es ständig Totgeburten gibt.). Denn diese Geburtsorte wiedersprechen dem Duktus von der Frau als Backofen für das Kind. Geburtsmedizin ist aber derzeit nur unter den Backofen-Bedingungen rentabel bzw. halbwegs zu finanzieren.

Dummerweise sehen Hebammen in ihrem Beruf etwas anderes als die Bedienung eines Backofens. Sie wollen die Frauen menschlich begleiten, ihnen Zuwendung schenken, und sie fachlich kompetent in allen Situationen vor, während und nach der Geburt unterstützen. Das hat zur Folge, dass Hebammen zunehmend unzufrieden sind mit ihren Arbeitsbedingungen. Sie wollten eben nie am Fließband stehen und auch nicht ständig irgendwelche Knöpfe bedienen oder Schläuche und Kabel anschließen. Hebammen wissen, dass Frauen ganz ohne fremde Hilfe gebären können, selbst wenn die Frauen das nicht immer wissen und häufig gar nicht mehr glauben. Aus Frust oder mit Burn-Out ziehen sich immer mehr Hebammen aus dem Klinikalltag zurück, arbeiten Teilzeit, um die Situation in den Häusern einigermaßen zu ertragen, und arbeiten nebenbei als freie Hebammen in der Nachsorge oder geben Kurse. Oder machen was ganz anderes.
Schon 2016 mussten Geburtsstationen aufgrund von Personalmangel (!) geschlossen werden. In diesem Jahr, 2019, Stand Mitte Juni, werden voraussichtlich 14 (!!) weitere Geburtsstationen ihre Türen schließen.
Dies führt dazu, dass die Geburtshilfe zunehmend kollabiert. Sie wird weitere Einbrüche und Zusammenbrüche hinnehmen müssen, bis irgendwann die politisch gewünschte Anzahl an Kliniken erreicht ist.  Dann wird wieder etwas mehr Geld fließen, vielleicht. Vielleicht hat man sich dann aber so an die niedrigen Ausgaben gewöhnt, dass man alles so belässt (was wahrscheinlicher ist).
Dann wird es große (wenige) Perinatalzentren geben (die fast niemand braucht – die aber teuer sind und irgendwie finanziert werden müssen, z.B. durch Frühgeburten, denn Langlieger bringen leider auch kein Geld...) mit Geburtenzahlen von 2000/Jahr und aufwärts. Diese Zentren werden unter chronischer Unterbesetzung leiden, da die meisten Hebammen die Arbeitsbedingungen jetzt schon erbarmungswürdig finden, und abwandern werden. Das sehen wir schon heute.
Die Frauen werden wie Backöfen durch die Geburten geschleust werden. Und es wird Probleme geben. Noch mehr Frauen werden traumatisiert die Gebärfabriken verlassen. Noch mehr Frauen werden einen Kaiserschnitt erleiden, der eigentlich nicht nötig gewesen wäre, wenn die Frau eine 1:1-Betreuung erfahren hätte. Frauen werden noch mehr Überwachung durch Geräte über sich ergehen lassen müssen, da es einfach nicht genug Personal geben wird.

Und dann wird der Bundesgesundheitsminister beschließen, dass der Beruf der Hebamme doch ganz gut noch in das große Gesamtpaket „Pflegeberufe“ passt. Denn dies „werte den Beruf der Hebamme auf“ und schaffe neue Möglichkeiten. Man müsse sich nicht festlegen. Wenn das nichts ist mit der Geburtshife, könnte man dann immer noch auf der geriatrischen Station arbeiten. Sehr praktisch.
(In dieser Hinsicht habe ich mich tatsächlich getäuscht, als ich diesen Text schrieb: Hebammen sollen bald nur noch an Fachhochschulen in dualen Studiengängen ausgebildet werden. Immerhin etwas!)

Und dann werden wir ungefähr da sein, wo Amerika sich seit einigen Jahrzehten befindet. Dort gibt es die „midwife nurse“, die genau das ist: eine „weitergebildete“ Krankenschwester. Und es gibt die Ärzte, die die Kunst der Backofen-Geburt perfektioniert haben. Leider mit tragischem Outcome:
Die Säuglingssterblichkeit ist doppelt so hoch wie hierzulande. Die Müttersterblichkeit ist unbestritten die höchste in allen westlichen Ländern, nämlich etwa dreimal so hoch wie hier. Beides ist in den letzten 20 Jahren kontinuierlich angestiegen.
(Könnte sein, dass es bei uns nun doch nicht ganz so schlimm kommt.)

Beim Anteil an Frühchen sind wir schon fast so "gut" wie die Amerikaner:
USA: 12,0% (auf der Länderliste zwischen Timor-Leste, 12,1%, und Thailand, 12,0%)
D: 9,2% (auf der Länderliste zwischen Nicaraguay 9,3% und Brasilien 9,2%)

Ich plädiere sehr für einen Kurswechsel. Die Politik muss erkennen, dass mindestens in der Geburtshilfe, wahrscheinlich aber auch in anderen Bereichen der Medizin, ein rein wirtschaftliches Vorgehen, verbunden mit einem liberalisierten Gesundheits-Markt, zwar gut für die Zahlen ist.
Aber schlecht für die Menschen.

Hoffentlich schaffen wir das, denn das sind wir den Müttern und Kindern schuldig.